Die Zahl der Todesopfer durch die beiden Erdbeben in Venezuela stieg auf 2.595, mehr als 12.000 Menschen wurden verletzt und 189 Gebäude zerstört, wie Interimspräsidentin Delcy Rodriguez am 3. Juli bekannt gab und hinzufügte, dass die Such- und Rettungsarbeiten fortgesetzt würden [4][5]. Frühere Zahlen, die der Präsident der Nationalversammlung Jorge Rodriguez am 2. Juli veröffentlicht hatte, bezifferten die Opferzahl auf 2.295 Tote und über 11.000 Verletzte [6][7]. Am selben Tag schlossen Retter aus mindestens zehn Ländern die Bergung von Hernán Alberto Gil Flores ab, einem 44-jährigen Wachmann, der acht Tage lang unter 140 Tonnen Trümmern im Einkaufszentrum Galerías Playa Grande in La Guaira eingeschlossen war [3][9]. Eine inoffizielle Vermisstenliste umfasste noch immer rund 38.500 Namen [5], und die Vereinten Nationen schätzten die Gesamtzahl der Vermissten auf etwa 50.000 [16].
Die Rettung von Gil wurde zum sichtbarsten Symbol der internationalen Zusammenarbeit bei dieser Katastrophe. Allan Madrigal, ein Sanitäter des Costa-ricanischen Roten Kreuzes, sagte, er habe zunächst seinen eigenen Ohren nicht getraut, als er Gils Schreie hörte: «No nos dimos por vencidos y ya viene para afuera. Estamos increíblemente felices; recargamos las baterías con esto. Definitivamente es un milagro» [Wir haben nicht aufgegeben und er kommt heraus. Wir sind unglaublich glücklich; wir haben damit unsere Batterien wieder aufgeladen. Es ist definitiv ein Wunder] [9]. Cristian Vera, Leiter des chilenischen Rettungsteams, beschrieb den Einsatz als «lento y peligroso» [langsam und gefährlich] [9]. Luis Farias, Präsident des venezolanischen Roten Kreuzes, sagte, die Arbeit sei «artesanal» [handwerklich] gewesen, weil der Ort so instabil war, und erinnerte sich, Gil gesagt zu haben: «Te conozco desde hace algunas horas, pero ya te quiero mucho» [Ich kenne dich erst seit ein paar Stunden, aber ich habe dich schon sehr lieb] [9]. El Salvadors Präsident Nayib Bukele postete, dass die Retter zwei separate Tunnel graben und über Schläuche Flüssigkeit zuführen mussten, nachdem der erste Zugangsweg eingestürzt war [15][11]. Gils Ehefrau Gusbimar Gonzalez nannte die Rettung «truly a miracle» [wirklich ein Wunder] [7] und sagte: «It's the first time I've seen so many countries come together like this for a single cause, to save one person» [Es ist das erste Mal, dass ich so viele Länder für eine einzige Sache so zusammenkommen sehe, um einen Menschen zu retten] [6].
Rodriguez stellte die Reaktion der Regierung als unverzüglich und angemessen dar. Sie erklärte, dass innerhalb von Stunden nach den Erdstößen ein Notstandsdekret erlassen worden sei und dass nahezu alle regionalen Amtsträger in La Guaira bei dem Einsturz ums Leben gekommen seien [5]. Sie ordnete sieben Tage Staatstrauer an und sagte, die „Seele des Landes sei von den menschlichen Verlusten zerrissen", und begrüßte Hilfe aus allen Ländern, einschließlich jener, mit denen Venezuela keine diplomatischen Beziehungen unterhält [7][14]. Die Regierung kündigte einen Wiederaufbaufonds in Höhe von 200 Millionen Dollar in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds an, der zusammen mit der Weltbank finanzielle Unterstützung anbot [4][22]. Das venezolanische Außenministerium teilte mit, das Land habe bis zum 3. Juli 2.000 Tonnen humanitäre Hilfe erhalten [15].
Oppositionsvertreter und Analysten boten eine andere Darstellung der Ursachen der Katastrophe. Die Plataforma Unitaria Democrática erklärte, dass „der venezolanische Staat nicht darauf vorbereitet war, auf eine Tragödie dieses Ausmaßes zu reagieren" [19]. Der Politikwissenschaftler Juan Manuel Trak argumentierte, die beiden Erdbeben hätten ein vorhersehbares Risiko offengelegt, auf das der Staat nach Jahrzehnten institutioneller Erosion strukturell nicht vorbereitet gewesen sei [20]. Der ehemalige Direktor des Zivilschutzes, Antonio Rivero, verurteilte die Zerschlagung und Vernachlässigung der wichtigsten Katastrophenschutzbehörde des Landes [20]. Reuters berichtete, dass venezolanische Bauingenieure nicht die schriftliche Erdbebennorm verantwortlich machten, sondern jahrzehntelange mangelhafte Durchsetzung, schlampige Bauausführung und das Bauen in geologisch instabilen Küstengebieten [32]. Eine Meinungskolumne in El Financiero argumentierte, die Katastrophe sei durch Korruption und chronische Unterinvestition in den Zivilschutz in der Ära Chávez-Maduro verschlimmert worden [8].
Vor Ort beschrieben Überlebende eine Kluft zwischen offiziellen Verlautbarungen und ihrer gelebten Erfahrung. Fatima Berroteran, die auf einem Parkplatz schlief, nachdem ihr Haus eingestürzt war, sagte: „Hier haben wir nichts bekommen, bis sie letzte Nacht anfingen, Wasser zu bringen" [7]. Dora Bello, Tante eines vermissten Mannes im eingestürzten Residencia-Costa-Brava-Turm, bestand darauf: „Wir brauchen Taten. Wir brauchen, dass sie kommen und etwas tun, denn da drinnen ist Leben" [10]. Mariela Corpas, die nach den Leichen ihrer Großeltern suchte, beschrieb eine bürokratische Tortur ohne funktionierendes Mobilfunknetz: «Das wünsche ich wirklich niemandem» [Das wünsche ich wirklich niemandem] [13]. Mehrere Medien berichteten, dass Freiwillige, Medizinstudenten und Lehrer die Grabungsarbeiten mit Schaufeln und Spitzhacken anführten, während schweres Regierungsgerät fehlte oder untätig war [11][18]. Die venezolanische Diaspora organisierte Hilfsnetzwerke aus dem Ausland und schickte Rücküberweisungen, Medikamente und Lebensmittel, um Lücken in der staatlichen Hilfe zu schließen [29].
Die Katastrophe wurde auch zu einem Schauplatz politischer Auseinandersetzung. Oppositionsführerin María Corina Machado kündigte Pläne an, nach Venezuela zurückzukehren, doch die US-Regierung bezeichnete ihre Rückkehr als kontraproduktiv und schloss sich damit Rodriguez' Position an, dass der Notstand nicht der Moment für politische Konfrontation sei [24][14]. Der Oppositionspolitiker Edmundo González forderte, dass internationale humanitäre Hilfe „echten Zugang" zum Staatsgebiet erhalten müsse [23]. Die Journalistengewerkschaft SNTP kritisierte die Aussetzung des offiziellen Journalistentransports in die verwüstete Region La Guaira durch die Regierung und warnte, dies könne zu Zensur führen [26].
Internationale Organisationen warnten, dass das Erdbeben eine bereits bestehende humanitäre Notlage verschärft habe. Christian Lindmeier, Sprecher der Weltgesundheitsorganisation, sagte, die Gesundheitsdienste stünden unter „extremem Druck" und wies auf ein erhöhtes Risiko von Masern- und Diphtherieausbrüchen aufgrund der niedrigen Impfquote vor dem Erdbeben hin [7]. Der spanischsprachige Dienst der WHO berichtete, dass 38 Krankenhäuser beschädigt worden seien [27]. Das Welternährungsprogramm rief zu 50 Millionen Dollar auf, um 500.000 Menschen drei Monate lang zu ernähren [7][10]. UNICEF schätzte, dass 680.000 Kinder dringend humanitäre Hilfe benötigten [28], und Roberto Benes, UNICEF-Regionaldirektor für Lateinamerika, sagte: „Il y a un besoin énorme dû à l'impact des deux tremblements de terre, qui ont eu lieu en très peu de temps" [Es gibt einen enormen Bedarf aufgrund der Auswirkungen der beiden Erdbeben, die in sehr kurzer Zeit stattfanden] [17]. Die Psychologin Johana Gando von der NGO Fundainil beschrieb, wie Kinder beim Zeichnen zusammenbrachen, als das Trauma wieder hochkam: „Il y a un traumatisme, oui. On le voit dans leurs dessins" [Es gibt ein Trauma, ja. Man sieht es in ihren Zeichnungen] [17]. Die Internationale Organisation für Migration warnte vor dringendem Bedarf unter den Binnenvertriebenen [30].
Der Risikomodellierer Verisk schätzte die wirtschaftlichen Schäden auf über 10 Milliarden Dollar [15][11]. Das US-Finanzministerium erließ eine befristete Sanktionsausnahme, die alle Transaktionen im Zusammenhang mit der Erdbebenhilfe bis zum 23. Oktober 2026 genehmigt [21]. Satellitendaten deuteten darauf hin, dass mehr als 58.000 Gebäude in dem betroffenen Gebiet beschädigt wurden [10]. Unterdessen signalisierte in La Guaira ein großes, auf Dutzende zerstörter Gebäude gesprühter Buchstabe „D", dass die Suche an diesen Orten für nutzlos erklärt worden war [12]. Die Rettungsarbeiten für den neunjährigen Fabio, der in Caraballeda mit argentinischen und salvadorianischen Teams sechs Meter von seiner Position entfernt eingeschlossen war, dauerten am 3. Juli noch an [1].