Die Zahl der Todesopfer der beiden Erdbeben in Venezuela vom 24. Juni ist auf 3.535 gestiegen, 16.740 Menschen wurden verletzt und 17.854 obdachlos, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mitteilte [1][2][3]. Die aktualisierte Zahl bedeutet einen Anstieg um 193 Todesfälle an einem einzigen Tag [6]. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bis zu 50.000 Menschen noch vermisst werden [4][5].

Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez hat die Notfallmaßnahmen der Regierung verteidigt und erklärte, Rettungsteams seien sofort eingesetzt worden, und führte Kritik auf politisch motivierte „Medienlabore" zurück [19][15]. Francisco Garcés, Präsident der Präsidialkommission für Infrastruktur und Wohnraum-Bewohnbarkeit, berichtete, dass 70 Prozent der untersuchten Gebäude bewohnbar seien, während 30 Prozent weiterhin nur eingeschränkt genutzt werden dürften [6]. Delcy Rodríguez wies auch die Möglichkeit eines „sozialen Ausbruchs" zurück und kündigte Pläne zur Wiederaufnahme des kommerziellen Flugbetriebs am internationalen Flughafen Maiquetía an [15][6].

Carolina Jimenez, Präsidentin des Washington Office on Latin America (WOLA), erklärte, dass „in the case of Venezuela, the state has been the last responder" [im Fall Venezuelas war der Staat der letzte Helfer], und argumentierte, dass Bürger, Zivilgesellschaft und Freiwillige den Großteil der Rettungs- und Hilfsarbeit leisteten [2]. Die venezolanische Diaspora in Kolumbien hat sich mobilisiert, um Hilfe über die Grenze zu schicken, wobei Freiwillige in Bogotá von Angehörigen berichteten, die aufgrund struktureller Schäden an ihren Häusern in Kliniken schlafen [14]. Sebastián Mocarquer, Vertreter des UN-Teams für Katastrophenbewertung und -koordinierung, berichtete, dass internationale Rettungsteams 14 Menschen retteten, die Mehrheit der Rettungen jedoch von Gemeindemitgliedern in den ersten Stunden durchgeführt wurde [15]. Ein Hausmeister, der als Señor Julio identifiziert wurde, sagte der Tagesschau: „Diese Tragödie hat einmal mehr gezeigt, dass wir keine Regierung haben" [This tragedy has shown once more that we have no government] [9]. Die vertriebene Bewohnerin Wilmarys González beschrieb, dass sie die Stimme ihrer Cousine bis 5:30 Uhr morgens hörte und dass Zivilisten die Leichen selbst bergen mussten, da es an staatlicher Rettungsausrüstung mangelte [13].

Der Umgang mit den Toten hat zu direkt widersprüchlichen Darstellungen geführt. José Alejandro Terán, Gouverneur des Bundesstaates La Guaira, erklärte, dass etwa 2.400 Leichen mithilfe moderner forensischer Technologie identifiziert worden seien, und bestritt die Existenz von Massengräbern; er versicherte, dass jede Bestattung einzeln mit einem Kreuz und einer Identifikationstafel erfolge [6]. Unabhängige Berichterstattung von Associated Press und France 24 dokumentiert überlastete Leichenschauhäuser, Kühllagerung und den Beginn von Massenbestattungen auf dem Friedhof La Esperanza [4][5][25]. Der Forensiker Joel Mirabal erklärte, dass 60 bis 70 Prozent der Leichen von Angehörigen identifiziert würden, Massengräber jedoch aufgrund des Ausmaßes des Einsturzes und der Verwesung notwendig sein würden [25]. Rosa López, eine Angehörige eines Opfers, beschrieb, wie sie durch Reihen nicht identifizierter Leichen ging und den Kampf, ihren Schwiegersohn zu finden und zu bestatten, der vor einem Massengrab gerettet wurde [25].

Architekten und Ingenieure haben auf jahrelang vernachlässigte Durchsetzung von Bauvorschriften als strukturelle Ursache für die hohe Opferzahl hingewiesen. Glennys Gonzalez, eine Architektin und Bauingenieurin, die freiwillige Ingenieure koordiniert, erklärte, dass die erste Einschätzung ihrer Gruppe darauf hindeute, dass Bauprotokolle in vielen Fällen missachtet wurden [27]. Enrique Larrañaga, Architekt und Stadtplaner an der Simón-Bolívar-Universität, kritisierte die Regierung dafür, Angebote von Ingenieuren und Universitäten zur schnelleren Begutachtung beschädigter Gebäude nicht angenommen zu haben [27]. Das brasilianische Medium G1 berichtete, dass Ingenieure und Architekten auf Korruption, mangelnde Durchsetzung von Bauvorschriften und schlechte Bauqualität bei öffentlichen Wohnungsbauprojekten hinweisen [27].

Unter den Überlebenden zeichnet sich eine sekundäre Gesundheitskrise ab. Dr. Eugenio Cova, Leiter der Traumaabteilung am Krankenhaus Jose Gregorio Hernandez in Caracas, warnte: „the issue we foresee just around the corner is the infections that patients who have been exposed to the disaster for the longest time might bring" [das Problem, das wir unmittelbar auf uns zukommen sehen, sind die Infektionen, die Patienten, die der Katastrophe am längsten ausgesetzt waren, einschleppen könnten] [2]. Der Psychologe Daniel Fernández erklärte, dass sein Team daran arbeite, akute Suizide zu verhindern — „Wir versuchen hier auch, akuten Suiziden vorzubeugen" [We are also trying here to prevent acute suicides] — und appellierte an die internationale Gemeinschaft, Psychopharmaka zu spenden [9]. UNICEF und Plan International warnten, dass 234.000 Kinder unter der betroffenen Bevölkerung in überfüllten Notunterkünften Gefahren durch Krankheiten, Familientrennung und sexuelle Gewalt ausgesetzt seien [21][22]. Geraldine Gómez, eine Beraterin von Plan International in Venezuela, beschrieb Mütter in Notunterkünften, die sich beim Schlafen abwechseln, um ihre Töchter vor möglicher sexueller Gewalt zu schützen [22].

Die Hyperinflation verschärft die physischen Schäden der Katastrophe durch eine Wirtschaftskrise. Gaetano Tancredi, ein 80-jähriger Kellner, schätzte die Reparaturen an seinem Gebäude auf 7.000 bis 8.000 Dollar [7]. Die Rentnerin Florani Torin gab an, dass ihre Rente von 130 Bolívar nur 20 US-Cent wert sei und sie ihr Asthma mit Zuckerrohrsaft behandele, weil Ventolin 5.000 Bolívar koste [7].

Internationale Organisationen weiten ihre Hilfe in Abstimmung mit der venezolanischen Regierung aus. UN-Sprecher Stéphane Dujarric erklärte: "we and our partners are continuing to scale up assistance to impacted people by the earthquakes, in coordination with the Government" [wir und unsere Partner weiten die Hilfe für die vom Erdbeben betroffenen Menschen in Abstimmung mit der Regierung weiter aus] [10]. Das UNDRR schätzt den direkten physischen Schaden auf 37 Milliarden Dollar, darunter 24 Milliarden Dollar an Gebäuden und 13 Milliarden Dollar an Infrastruktur [10]. Die IFRC hat ein Notfall-Feldkrankenhaus in La Guaira eingerichtet, das 30.000 Menschen versorgen kann, während das Venezolanische Rote Kreuz 36 Tonnen Hilfsgüter verteilt [11]. Die Lageberichte von OCHA bestätigen, dass die internationalen USAR-Teams mit der schrittweisen Demobilisierung begonnen haben, da die Einsätze von der Rettung zur Bergung übergehen [8][12].

Trotz vorheriger Entfremdung verfolgen Venezuela und die Vereinigten Staaten eine pragmatische Zusammenarbeit für den Wiederaufbau. Der Chef des US-Südkommandos, Francis Donovan, besuchte Venezuela und traf sich mit Delcy Rodríguez im Rahmen gemeinsamer Arbeiten an einer Kooperationsagenda zum Wiederaufbau der betroffenen Infrastruktur [6]. Ein Sprecher des US-Außenministeriums erklärte, dass das Hinzufügen "sensitive political issues" [sensibler politischer Fragen] zur Situation kontraproduktiv für die Katastrophenhilfe sei [19]. Die im Exil lebende Oppositionsführerin María Corina Machado kritisierte die Reaktion der Regierung als Beweis für einen "failed state" [gescheiterten Staat] und argumentierte, dass ihre Rückkehr nach Venezuela eine stabilisierende Kraft wäre, ein Schritt, den die USA Berichten zufolge zu blockieren versucht haben [19]. Der IWF erwägt Katastrophenhilfe, und Venezuela plant, 200 Millionen Dollar aus seinen IWF-Sonderziehungsrechten abzurufen, was das erste IWF-Engagement mit Venezuela seit 22 Jahren darstellt [20].

Die Grenzregion Kolumbiens hat umfangreiche humanitäre Hilfslogistik mobilisiert, wobei über 2.000 Tonnen Hilfsgüter aus der kolumbianisch-venezolanischen Grenzregion versandt wurden [16]. Die kolumbianischen Behörden aktivierten spezielle Zollverfahren, um die Ausfuhr humanitärer Spenden zu erleichtern [17]. Im Gegensatz dazu berichten die brasilianischen Behörden, dass die Grenzübergänge in Roraima weiterhin das Niveau von vor der Katastrophe aufweisen, wobei der derzeitige Zustrom von 100 bis 200 Venezolanern pro Tag ähnlich wie vor den Erdbeben ist [18].

Geophysiker haben die seismischen Mechanismen hinter den beiden Beben erklärt. Sylvain Barbot, ein Geophysiker an der University of Southern California, verglich das venezolanische Verwerfungssystem mit der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien und warnte, dass künftige Regenstürme sekundäre Erdrutschgefahren in bereits geschwächtem Gelände auslösen könnten [24]. Eos berichtete, dass die Erdbeben in einer komplexen Verwerfungszone auftraten, wobei der USGS vor erheblichen Nachbeben warnte [23].

Vertriebene Überlebende stehen in Notunterkünften vor anhaltender Ungewissheit. OCHA-Sprecherin Veronique Durroux erklärte, dass die Lager die Menschen etwa einen Monat lang beherbergen werden [15]. Der vertriebene Rentner Eduardo Sanchez gab an, dass den Bewohnern aus Angst vor weiteren Erdbeben gesagt wurde, sie sollten ihre Häuser verlassen, ohne ein Datum für die Rückkehr [13]. Fabien Valterio, Einsatzleiter der Schweizerischen Humanitären Hilfe, erklärte, dass sein Team sechs Tage lang arbeitete, ohne Überlebende zu retten [26].

Die Einsätze gehen von der Rettung zur Bergung über, wobei die internationalen USAR-Teams schrittweise demobilisieren und die UN-Organisationen die multisektorale Hilfe in Abstimmung mit den venezolanischen Behörden fortsetzen [8][12]. Die IFRC hat psychische Gesundheit, primäre und mütterliche Gesundheit sowie Wasser und Sanitärversorgung als zentrale Prioritäten identifiziert, während die Suche und Rettung ausläuft [11].