Die Zahl der Todesopfer bei der Massenüberquerung in die spanische Enklave Ceuta ist auf 77 gestiegen, wie spanische Behörden bestätigten, während die EU-Innenminister nach einer Dringlichkeitssitzung in Brüssel ihre Solidarität mit Madrid bekundeten [2][6][20]. Die Behörden von Ceuta selbst melden 88 Todesfälle, wobei elf weitere Leichen auf marokkanischer Seite gefunden wurden, während der deutsche öffentlich-rechtliche Sender Tagesschau von 84 Todesfällen berichtet – Unstimmigkeiten, die weiterhin ungeklärt sind [10][15]. EU-Kommissar Magnus Brunner erklärte, die Resilienz Europas sei auf die Probe gestellt worden und der Test sei bestanden, der Schengen-Raum sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen [20][26]. Die Europäische Kommission bot Spanien Soforthilfe zur Verstärkung der Grenze von Ceuta an [16].

Der Solidaritätsbekundung der EU ging eine erste Phase voraus, in der 22 Mitgliedstaaten einen Brief unterzeichneten, in dem sie die Migrationspolitik Spaniens kritisierten, und Italien einseitig den Schengen-Reiseverkehr mit Spanien aussetzte [9][15][21]. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete die unkontrollierte Einwanderung als Sicherheitsbedrohung für Europa [2][30], und der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš drängte auf eine vorübergehende Aussetzung der Schengen-Mitgliedschaft Spaniens [2]. Der französische Innenminister Laurent Nuñez erklärte, Spanien werde nicht aus dem Schengen-Raum ausgeschlossen und Schengen sei "n'était pas le problème" [nicht das Problem], sondern "plutôt la solution" [vielmehr die Lösung] [21][20].

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez warf einigen europäischen Regierungen vor, Spanien aus "prejudice, fake news, ignorance or political interest" [Vorurteilen, Falschnachrichten, Unwissenheit oder politischem Interesse] anzugreifen [18][30]. Außenminister José Manuel Albares prangerte an, was er eine "synchronised reactionary international effort" [synchronisierte reaktionäre internationale Anstrengung] nannte, die Lügen über die Integrität des Schengen-Raums verbreite [23]. Innenminister Fernando Grande-Marlaska erklärte, etwa 70.000 der 72.000 Migranten, die nach Ceuta gelangt seien, seien nach Marokko zurückgeführt worden und der Schengen-Raum sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen [2][6][20].

Die Frage nach der Rolle Marokkos bleibt umstritten. Ceutas Präsident Juan Jesús Vivas bezeichnete die Überquerung als "an atrocity" [eine Gräueltat] und einen Angriff auf die territoriale Integrität Spaniens, der, wenn nicht orchestriert, so doch zumindest von Marokko begünstigt oder zugelassen worden sei [23]. Verteidigungsministerin Margarita Robles forderte die marokkanische Regierung auf, das Geschehene vollständig zu untersuchen [23]. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer erklärte, "such a border crossing could never have taken place if the Moroccan side hadn't looked the other way" [eine solche Grenzüberquerung hätte niemals stattfinden können, wenn die marokkanische Seite nicht weggeschaut hätte] [4]. Ein Migrant namens Ashraf berichtete, die marokkanische Polizei habe die Menschen in Richtung Wasser gedrängt und ihnen gesagt, sie sollten schwimmen [23].

Marokko wies die Verantwortung zurück. Ein hochrangiger marokkanischer Regierungsvertreter argumentierte, die Zahl der Migranten sei so stark angeschwollen, dass die Sicherheitskräfte sie nicht mehr zurückhalten konnten, und erklärte, es sei nicht allein Marokkos Verantwortung, das Problem zu bewältigen [17]. Der Sprecher des Innenministeriums, Rachid El Khalfi, führte die Krise auf "the malicious exploitation of the digital space" [die böswillige Ausnutzung des digitalen Raums] und Fehlinterpretationen eines Urteils des spanischen Obersten Gerichtshofs zurück [4]. Ein hochrangiger marokkanischer Vertreter warf Spanien vor, Warnungen ignoriert zu haben, dass das Gerichtsurteil, das sofortige Rückführungen von auf dem Seeweg ankommenden Migranten verhindert, Grenzprobleme verursachen würde [32][17]. Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik warnte, Marokko würde zu viel riskieren, wenn es einen solchen Ansturm bewusst orchestrieren würde, auch wenn es möglicherweise ein politisches Signal habe senden wollen [4]. Der Analyst Paul Melly von Chatham House brachte die Krise mit Sánchez' kürzlichem Besuch in Algerien in Verbindung und bezeichnete dies als diplomatische Wiedergutmachung für Spaniens Entscheidung von 2022, Marokkos Autonomieplan für die Westsahara zu unterstützen [15].

Die kürzliche Regularisierung von rund 500.000 undokumentierten Migranten durch Spanien stieß bei den EU-Partnern auf Kritik. Kommissar Brunner sagte, die Regularisierung "no es una buena señal" [sei kein gutes Signal] für Europa, räumte jedoch ein, dass kein direkter Zusammenhang zwischen der Politik und dem Zustrom nach Ceuta festgestellt worden sei [6][9]. Der italienische Außenminister Antonio Tajani kritisierte Spanien dafür, andere EU-Länder nicht zur Regularisierung konsultiert zu haben [6]. Der Migrationsexperte Gerald Knaus bestritt den Zusammenhang und erklärte, nach früheren spanischen Regularisierungen seien die irregulären Ankünfte nie gestiegen [26]. Michele LeVoy, Direktorin von Picum, argumentierte, die harsche Reaktion der Mitgliedstaaten sei wahrscheinlich eher von der Angst vor Sekundärmigration als von einem nachgewiesenen Pull-Effekt getrieben [18].

Menschenrechtsorganisationen äußerten Bedenken hinsichtlich der schnellen Rückführungen Spaniens. Human Rights Watch dokumentierte Vorwürfe von Massenzurückweisungen ohne individuelle Prüfung durch spanische Kräfte und exzessiver Gewaltanwendung sowohl durch spanische als auch marokkanische Behörden [29]. Die spanische Kommission für Flüchtlingshilfe warnte, dass Migranten aus Subsahara-Afrika "las víctimas más desprotegidas" [die schutzlosesten Opfer] seien und Abschiebungen ohne rechtliche Garantien ausgesetzt seien [24]. ActionAid prangerte die Rückführung von Minderjährigen in entlegene Gebiete Marokkos ohne Garantien für eine sichere Rückkehr an [44]. Der Rechtswissenschaftler Constantin Hruschka, Professor für Europäisches Recht und Migrationsrecht, argumentierte, dass Spaniens weite Auslegung des Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zur Rechtfertigung von Zurückweisungen gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoße [46]. Migranten beschrieben die schlechten Bedingungen an den Stränden von Ceuta; ein Migrant namens Kamal berichtete, es gebe kein Essen, keinen Schlafplatz und keine Decken [2][30]. Ein senegalesischer Migrant namens Omar erklärte: "We are able-bodied, we have a lot to contribute. We have come to work, not to beg" [Wir sind arbeitsfähig, wir haben viel beizutragen. Wir sind gekommen, um zu arbeiten, nicht um zu betteln] [27]. Ein sudanesischer Migrant namens Mohamed Ahmed erklärte: "I'm not going back. I'd rather die trying here" [Ich gehe nicht zurück. Ich sterbe lieber bei dem Versuch hier] [28].

Italiens Regierung drängte darauf, das Modell der Migrationsdrehscheibe Italien-Albanien zu verallgemeinern, wobei Innenminister Matteo Piantedosi ein europäisches Netzwerk von Rückführungszentren in Drittstaaten vorschlug, die aus EU-Mitteln finanziert werden [14][34]. Die Zentren in Albanien haben seit 2025 nur 685 Migranten zu geschätzten Kosten von 495.000 Euro pro rückgeführter Person bearbeitet, wie das Forschungsinstitut Idos und die NGO Tavolo Asilo e Immigrazione mitteilten [14]. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte stärkere EU-Grenzen, einschließlich "vigilant monitoring and the use of physical barriers where needed" [wachsamer Überwachung und des Einsatzes physischer Barrieren, wo nötig] [18][7]. EVP-Chef Manfred Weber argumentierte, dass Frontex in außergewöhnlichen Krisensituationen das Kommando über nationale Grenzen übernehmen sollte, ein Vorschlag, den der SPD-Europaabgeordnete René Repasi ablehnte, der erklärte, Frontex sei dem Europäischen Parlament nicht rechenschaftspflichtig und öffentliche Gewalt ohne parlamentarische Kontrolle sei illegitim [21][26]. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis schrieb in einem Meinungsbeitrag für Politico, die EU solle die vorübergehende Aussetzung von Asylregistrierungen bei plötzlichen Massenankünften erlauben [3].

Analysten stellten eine politische Instrumentalisierung der Krise fest. Camille Le Coz, Direktorin des Migration Policy Institute Europe, bezeichnete Italiens Aussetzung des Schengen-Abkommens als "pure political theatre" [reines politisches Theater] und sagte, rechtsextreme Gruppen hätten Bilder aus Ceuta genutzt, um Europa als "under attack" [unter Beschuss] darzustellen [7]. Der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha erklärte, in ganz Europa sei eine russische Propagandakampagne mit Bildern aus Ceuta festgestellt worden, um Destabilisierung zu säen [23]. In Ceuta sahen sich die rechtsextremen Politiker Alvise Pérez und Santiago Abascal, der die Überquerung als "invasión" [Invasion] bezeichnete, Gegenprotesten von Anwohnern ausgesetzt [5].

Die Einwohner von Ceuta machten überwiegend das Versagen der Regierung und nicht die Migranten verantwortlich. Der Kellner Mohamad Abdelkader Driss sagte: "Los jóvenes no tienen la culpa" [Die jungen Leute sind nicht schuld] und wies die Verantwortung "los grandes y aparte los que mandan" [den Mächtigen und im Übrigen denjenigen, die das Sagen haben] zu [5]. Die Studentin Noor Ahmed prangerte an, dass auswärtige Demonstranten versuchten, "aprovechar la crisis humanitaria" [die humanitäre Krise auszunutzen] [5]. Die Restaurantbesitzerin Gema Molina Parra warnte, dass sich der Zustrom ohne Maßnahmen der Zentralregierung wiederholen werde [15].

Angehörige der Vermissten suchen weiterhin nach ihren Lieben. Die Marokkanische Vereinigung für Menschenrechte berichtete, dass Familien Tag und Nacht an der Grenze auf Informationen über vermisste Angehörige warteten [25]. Spanien kündigte ein Sonderbudget von 25 Millionen Euro für die Betreuung unbegleiteter Minderjähriger in Ceuta an [6][11]. Nach Angaben des Präsidenten von Ceuta halten sich zwischen 3.000 und 5.000 Migranten in der Enklave auf [32]. Auch in Spaniens anderer nordafrikanischer Enklave Melilla kam es zu irregulären Grenzübertritten; dort wurden 1.323 Einreisen gemeldet und 1.063 Menschen nach Marokko zurückgeführt [6].