Eine von Anti-Migranten-Gruppen gesetzte inoffizielle Frist für die Ausreise ausländischer Staatsangehöriger aus Südafrika verstrich am 30. Juni ohne Berichte über großangelegte organisierte Gewalt, doch zu diesem Zeitpunkt waren bereits Zehntausende Migranten geflohen, mindestens vier Menschen bei fremdenfeindlichen Angriffen getötet worden und die Regierung hatte Polizei und private Sicherheitskräfte [6][7] zu Kosten von 600 Millionen Rand [4] mobilisiert. Die von der Bewegung March and March vorangetriebene und über soziale Medien, Flugblätter und gefälschte amtliche Mitteilungen verbreitete Frist hatte nach Darstellung französisch- und englischsprachiger Medien ein Klima allgemeiner Angst in Johannesburg, Durban und anderen Städten erzeugt [6][22].
Präsident Cyril Ramaphosa erklärte in seinem wöchentlichen Newsletter, dass legale ausländische Staatsangehörige „arbeiten, studieren, Familien gründen, in unsere Wirtschaft investieren und einen positiven Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten“ und „Anspruch auf den Schutz unserer Gesetze und unserer Verfassung haben“ [3]. Er fügte hinzu: „Wir werden keine Versuche dulden, das Land zu destabilisieren, von wem auch immer, ob marschierend oder anderweitig“ [4]. In der deutschsprachigen Berichterstattung wurde Ramaphosa mit den Worten zitiert: „Wir werden und dürfen nicht zulassen, dass Gruppen die berechtigten Anliegen der Südafrikaner ausnutzen, um unser Land durch das Schüren von Gesetzlosigkeit und Gewalt zu destabilisieren“ [7]. Polizeiminister Firoz Cachalia sagte, er hoffe, der 30. Juni werde „ein normaler Tag“, an dem die Menschen ihre Geschäfte öffnen und ohne Behinderung zur Arbeit gehen könnten [7], räumte jedoch ein, die Behörden hätten „zu lange gezögert, sich klar zu diesem Thema zu äußern“ [4]. Justizministerin Mmamoloko Kubayi warnte, dass keine unbefugte Person Dokumente verlangen oder den Zugang zu Kliniken, Schulen oder anderen öffentlichen Dienstleistungen verweigern dürfe [7][8].
Die Gründerin von March and March, Jacinta Ngobese-Zuma, wies Vorwürfe der Fremdenfeindlichkeit zurück. „Erzählt uns nichts von Fremdenfeindlichkeit oder Afrophobie oder wie immer ihr es nennen wollt. Erzählt uns von der Krise der illegalen Einwanderung“, sagte sie [7]. In der englischsprachigen Berichterstattung erklärte sie: „You can't label us as xenophobic for standing up for what's right“ [Ihr könnt uns nicht als fremdenfeindlich bezeichnen, weil wir für das Richtige eintreten] [8]. Sie stellte die Bewegung als Forderung dar, die Regierung solle die Krise der illegalen Einwanderung lösen, und nicht als Angriff auf ausländische Staatsangehörige als Menschen [12].
Migranten in ganz Südafrika beschrieben eine andere Realität. James Macki, ein malawischer Friseur in der informellen Siedlung Tembelihle in Johannesburg, sagte gegenüber Al Jazeera: „They said the blood will flow if we don't go by June 30. If we don't get out, they are not going to stop until we all die“ [Sie sagten, das Blut werde fließen, wenn wir bis zum 30. Juni nicht gehen. Wenn wir nicht verschwinden, werden sie nicht aufhören, bis wir alle tot sind] [8]. Nelson Mbewe, ein undokumentierter malawischer Migrant in einem Durchgangslager in Durban, sagte der BBC, er kehre nach Hause zurück, weil ihm die richtigen Dokumente fehlten und er dem fremdenfeindlichen Schimpfwort „Makwerekwere“ ausgesetzt sei [3]. In Durban sagte Pastor Raphael Bahebwa, der ein Flüchtlingslager beaufsichtigt, gegenüber RFI: „On n'a plus peur de la mort. Si on meurt, au moins le monde saura ce qu'il se passe, que nous étions ici légalement mais que nous avons été tués“ [Wir haben keine Angst mehr vor dem Tod. Wenn wir sterben, wird die Welt wenigstens erfahren, was geschieht, dass wir legal hier waren, aber getötet wurden] [6]. Talla Niang, ein senegalesischer Einwanderer, der seit über 30 Jahren in Südafrika lebt, sagte: „La majorité des gens veulent rester car ils ont leur business et leur vie ici“ [Die Mehrheit der Leute will bleiben, weil sie hier ihre Geschäfte und ihr Leben haben] [6]. Roland, ein kongolesischer Taxifahrer, beschrieb ein ständiges Unbehagen: „Il faut tout le temps que je calcule mes mots“ [Ich muss ständig auf meine Worte achten] [6].
Die mosambikanische Regierung meldete neun Todesfälle und mindestens 874 von fremdenfeindlichen Angriffen betroffene Bürger und organisierte Rückführungsaktionen für etwa 1.000 Staatsangehörige [16]. Der portugiesischsprachige Dienst der Deutschen Welle berichtete, dass 714 Mosambikaner repatriiert worden seien [15]. Ein separater Bericht dokumentierte die Ankunft einer ersten Gruppe von 150 malawischen Bürgern, die aus der Provinz Westkap zurückkehrten, und stellte die Aktion als humanitäre Reaktion auf Gewalt und Unsicherheit dar [17]. Über 12.000 Einwanderer seien seit Beginn der Proteste abgeschoben oder repatriiert worden, so die BBC [3]. Ein Leitartikel auf AllAfrica stellte fest, die Kampagne von March and March habe dokumentierte Tötungen – darunter die tödliche Attacke auf einen Malawier in Pietermaritzburg und die Lynchmorde an zwei Männern in Mossel Bay –, Massenvertreibungen und wirtschaftliche Verluste sowohl für Einwanderer als auch für südafrikanische Vermieter verursacht [2].
Analysten führten die Krise auf strukturelle Bedingungen zurück. Die politische Kommentatorin Tessa Dooms sagte der DW: „The South African government has largely created this dilemma for itself. It ignores problems, tolerates corruption, allows decay to worsen and only reacts once the situation has reached its peak“ [Die südafrikanische Regierung hat dieses Dilemma größtenteils selbst geschaffen. Sie ignoriert Probleme, toleriert Korruption, lässt den Verfall sich verschlimmern und reagiert erst, wenn die Situation ihren Höhepunkt erreicht hat] [4]. Sie fügte hinzu, die Menschen sähen „this particular movement as a place where they can be heard and where they can find a simple solution to complex problems“ [diese spezielle Bewegung als einen Ort, an dem sie gehört werden und eine einfache Lösung für komplexe Probleme finden können] [4]. Professor Luke Sinwell von der Universität Johannesburg beobachtete, dass Bewohner bei einem Gemeindetreffen in Tembelihle die Messerstecherei an einem malawischen Bewohner als „opportunistic criminality rather than a direct act of organised xenophobic violence“ [opportunistische Kriminalität und nicht als direkten Akt organisierter fremdenfeindlicher Gewalt] beschrieben, merkte jedoch an, „these things are interconnected“ [diese Dinge hängen zusammen] [8]. Fredson Guilengue von der Rosa-Luxemburg-Stiftung sagte der DW, Migranten betrachteten die südafrikanische Polizei als „a xenophobic institution“ [eine fremdenfeindliche Institution] und warnte: „As long as the leaders of these movements don't feel the full force of the law, they won't stop intimidating immigrants“ [Solange die Anführer dieser Bewegungen nicht die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen, werden sie nicht aufhören, Einwanderer einzuschüchtern] [4].
Eine separate Analyse zog Parallelen zu historischen Präzedenzfällen. Die ISS-Forscherin Vanya Gastrow warnte, dass die von Südafrika vorgeschlagenen Beschränkungen für ausländische Arbeitnehmer – einschließlich maximaler Beschäftigungsquoten und der Reservierung bestimmter Wirtschaftssektoren für Staatsbürger – zu Ergebnissen führen könnten, die der Ausweisungsanordnung Ghanas von 1969 und der Ausweisung von Asiaten aus Uganda 1972 ähneln, die beide Kapitalflucht, Unterbrechungen der Lieferketten und dauerhafte diplomatische Schäden verursachten [9]. Ghana hat die Afrikanische Union offiziell ersucht, fremdenfeindliche Angriffe in Südafrika auf die Tagesordnung eines AU-Gipfels zu setzen; der damalige südafrikanische Justizminister Ronald Lamola erklärte, Pretoria sei bereit, sich vor der AU zu verteidigen [23].
Französischsprachige Analysen hoben eine Desinformationsdimension hervor: Gefälschte amtlich aussehende Mitteilungen, Drohflugblätter und koordinierte Social-Media-Kampagnen wurden genutzt, um die Frist zum 30. Juni zu verbreiten und Panik zu erzeugen [19][22]. Justizministerin Kubayi merkte an, dass Drohflugblätter ohne Wissen der Organisatoren verteilt worden seien und dass es „keine einheitliche Struktur“ gebe, die die Aktionen der Bewegung koordiniere [8].
Zum 30. Juni hielten die südafrikanischen Behörden eine starke Sicherheitspräsenz in den großen Städten aufrecht, wobei der Polizeiurlaub gestrichen und zusätzliche Ressourcen eingesetzt wurden [8][14]. Hassan Phiri, ein malawischer Migrant, der in Durban auf seine Bearbeitung wartete, sagte der BBC: „All I want to say to South Africans is that we are all one. Africa can't be Africa without South Africa... without Malawi, without anywhere“ [Alles, was ich den Südafrikanern sagen möchte, ist, dass wir alle eins sind. Afrika kann nicht Afrika sein ohne Südafrika... ohne Malawi, ohne irgendwo] [3]. Der Daily Maverick berichtete, dass zivilgesellschaftliche Gruppen einen dringenden Appell an das Gesundheitspersonal richteten, die Frist abzulehnen und Opfern fremdenfeindlicher Angriffe zu helfen [10]. Ob die relative Ruhe am Tag der Frist in den kommenden Tagen anhält, blieb eine offene Frage, da über 20 Anti-Migranten-Gruppen Pläne für weitere landesweite Proteste angekündigt hatten [13].